Esports und Olympismus: Südkorea stößt Grundsatzdebatte an
Nach dem Ende der Zusammenarbeit zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee und Saudi-Arabien rund um die Olympic Esports Games rückt die Zukunft des Projekts erneut in den Fokus. Während das IOC an einem neuen Ansatz arbeitet, hat Südkorea das Thema nun auf nationaler Ebene aufgegriffen. In Seoul fand dazu ein hochrangig besetztes Forum statt, das weniger auf eine schnelle Bewerbung zielte als auf eine grundsätzliche Standortbestimmung.
Neuordnung nach dem Bruch mit Saudi-Arabien
Im Oktober hatte das IOC das Ende der Kooperation mit dem Saudi Olympic and Paralympic Committee bekannt gegeben. Damit wurde auch die Zusammenarbeit mit der Esports World Cup Foundation beendet. Das IOC erklärte, man wolle das Projekt stärker an den langfristigen Zielen der Olympischen Bewegung ausrichten und künftig mit einem anderen Partnermodell arbeiten.
Ein konkreter Zeitplan für die erste Ausgabe der Olympic Esports Games wurde nicht genannt. Stattdessen verwies das IOC auf einen internen „Pause and Reflect“-Prozess, dessen Ergebnisse in die Neuausrichtung einfließen sollen.
Forum im Nationalparlament
Vor diesem Hintergrund brachte Südkorea die Debatte in ein institutionelles Umfeld. In der Nationalversammlung kamen Abgeordnete, Sportfunktionäre, Wissenschaftler und Vertreter der Branche zusammen. Initiiert wurde das Forum von den Parlamentariern Koh Dong-jin und Jin Jong-oh gemeinsam mit dem Korean Sport & Olympic Committee sowie der Korea e-Sports Association.
Im Zentrum stand nicht die unmittelbare Frage einer Bewerbung, sondern die grundsätzliche Vereinbarkeit von Esports und olympischen Strukturen. Diskutiert wurden wirtschaftliche Logiken, Governance-Fragen und kulturelle Unterschiede zwischen beiden Systemen.
Esports als strategische Industrie
Koh Dong-jin ordnete Esports klar als strategischen Industriezweig ein. Er verwies auf technologische Entwicklungen, die aus der Spielebranche hervorgegangen seien, und stellte einen Zusammenhang zwischen Grafiktechnologien und Fortschritten im Bereich künstlicher Intelligenz her. Südkorea könne auf bestehende Stärken in Hardware, Software und Hochleistungswettbewerb aufbauen.
Jin Jong-oh wählte einen geopolitischen Blickwinkel. Er verwies auf die Position des regionalen Marktes zwischen Chinas regulatorischem Einfluss und Saudi-Arabiens finanzieller Schlagkraft. In diesem Umfeld müsse der Olympismus jüngere Zielgruppen erreichen, um relevant zu bleiben.
Vorschläge aus Verband und Wissenschaft
Die Korea e-Sports Association brachte die Idee einer längerfristigen Ausrichtung ins Spiel. Generalsekretär Kim Cheol-hak sprach sich dafür aus, nicht nur eine einzelne Ausgabe zu organisieren, sondern zwei oder drei aufeinanderfolgende Veranstaltungen. Ziel sei es, ein dauerhaftes, international übertragbares Modell zu schaffen.
Aus der Wissenschaft kam Unterstützung für diesen Ansatz. Professorin Jin Ye-won von der Ewha Womans University betonte, Südkoreas historische Stärke liege nicht allein im sportlichen Erfolg, sondern in der Entwicklung von Übertragungsformaten und einer eigenständigen Zuschauerkultur.
Skepsis aus der Branche
Nicht alle Stimmen fielen zustimmend aus. Oh Ji-hwan, CEO des Esportsteams Nongshim RedForce, stellte infrage, ob das olympische Label innerhalb der Kern-Community tatsächlich die erhoffte Strahlkraft besitzt. Zudem kritisierte er die IOC-Fokussierung auf sogenannte virtuelle Sportarten, die aus seiner Sicht nicht den Interessen der Esports-Szene entspreche.
Auch aus dem organisierten Sport kamen mahnende Hinweise. Kim Young-chan vom Korean Sport & Olympic Committee erinnerte daran, dass Werte wie Fairness, Athletenschutz und Integrität zentrale Voraussetzungen seien. Zudem gebe es bislang weder klare Verfahren noch einen festen Zeitrahmen für das Projekt.
Offene Fragen bleiben
Das Forum machte deutlich, dass es bei der Debatte um weit mehr geht als um Austragungsorte oder Vermarktung. Im Kern steht die Frage, ob ein von Eigentumsrechten und kommerziellen Interessen geprägtes Ökosystem mit den Prinzipien des Olympismus vereinbar ist. Während andere Standorte bereits Interesse signalisieren, positioniert sich Südkorea frühzeitig in einer Phase, in der das IOC selbst noch nach Orientierung sucht.
FAQ
Weil das IOC die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien beendet und das Projekt neu ausrichtet.
Eine nationale Debatte über die Rolle des Landes im künftigen Esports-Olympismus.
Abgeordnete gemeinsam mit Sport- und Esports-Verbänden.
Nein, im Fokus stand eine grundsätzliche Einordnung.
Esports wurde als strategische Industrie und kulturelles Instrument gesehen.
Mehrere aufeinanderfolgende Ausgaben statt eines Einzelereignisses.